kreislaufwirtschaft:bauen

Eine Potenzialstudie für Österreich der TU Wien im Auftrag der STRABAG
Keyvisual Potenzialstudie kreislaufwirtschaft bauen
CEO Stefan Kratochwill lächelnd mit verschränkten Armen

"Die österreichische Bauwirtschaft ist noch weit davon entfernt, flächendeckend zirkulär zu bauen. Gemeinsam mit der TU Wien wollen wir eine belastbare Grundlage schaffen, um notwendige Standards weiterzuentwickeln, regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen und den Wandel hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft im Bauwesen zu beschleunigen."

Stefan Kratochwill
CEO STRABAG SE

77.000.000 T jährlicher Materialbestandszuwachs im Bau
78 % stoffliche Verwertung von Bau-/Abbruchabfall (ohne Bodenaushub)
Aber: nur 65 % des Recycleanlagenoutputs hochwertig und voll nutzbar
57 % Anteil von Bau-Bodenaushub an österreichs Gesamt-Abfall
Bis zu 90 % dieses Aushubs wären technisch verwertbar
Aber: nur 21 % davon werden aktuell verwertet

Österreich hat sich verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu wirtschaften und die EU-Klimaziele zu erreichen. Konkret müssten die Emissionen laut einer Analyse der Universität für Bodenkultur jährlich um mindestens sieben Prozent sinken. Laut aktuellen Prognosen des Umweltbundesamts könnte Österreich diese Ziele verfehlen.  
 
Um die Kehrtwende zu schaffen, muss das Prinzip der Kreislaufwirtschaft umgesetzt werden. Darum hat die Bundesregierung 2022 eine Kreislaufwirtschaftsstrategie verabschiedet. Der Anteil recycelter oder wiederverwendeter Materialien am Gesamtmaterialverbrauch soll bis 2030 auf 18 % steigen. 
 
Ein entscheidender Hebel dafür liegt im Bauwesen. Der hohe Materialiensatz und Emissionsanteil (über 38 % des gesamten CO2-Ausstoßes weltweit) bringen massive Potenziale vor allem bei Recycling und Re-Use. Laut einer Studie von Agora Industries, einem deutschen Think Tank, könnten in den Wertschöpfungsketten von Zement und Beton in Deutschland so bis 2045 über 65 Prozent Treibhausgasemissionen eingespart werden. Auch die hier vorliegende Studie der TU Wien zeigt große Einsparungspotenziale bei Beispielprojekten von bis zu 90 Prozent der CO2-Emissionen.

Dazu kommt der hohe Anteil der Bauwirtschaft am österreichischen Gesamtverbrauch verschiedener Materialien:

Abbildung: Anteil der Bauwirtschaft am Verbrauch ausgewählter Rohstoffe in Österreich

Die folgende Studie zeigt auf, wo im österreichischen Bauwesen die wichtigsten Potenziale für Kreislaufwirtschaft liegen und was dafür getan werden muss – durch neue Ansätze in Bauwirtschaft, Architektur und Politik.

Kreislaufwirtschaft in der Praxis

Kreislaufwirtschaft ist ein Konzept für ressourcenschonendes Wirtschaften und Produzieren. Dabei werden Materialien wieder- und weiterverwendet, so dass im Optimalfall ein Kreislauf entsteht. Sie besteht aus 10 Säulen:

In der Bauwirtschaft geht es dabei um Konzepte wie Urban Mining, den Einsatz nachhaltiger und recycelter Baustoffe (nachwachsende Rohstoffe, Recycling-Beton, Asphaltrecycling etc.) sowie eine optimierte Planung und verbessertes Design. Der Fokus der Studie liegt auf den Ansätzen Recycling und Re-Use. 

Handlungsbedarf

Klima, Strafzahlungen und Deponiekapazität

Verfehlen wir die Klimaziele, gefährden wir nicht nur langfristig unsere natürlichen Lebensgrundlagen, sondern riskieren auch hohe Strafzahlungen. Ein Bericht von Kommunalkredit Public Consulting von 2025, den das Bundesfinanzministerium in Auftrag gegeben hatte, rechnet mit Emissions-Ausgleichszahlungen von bis zu 5,9 Milliarden Euro 4 bei Verfehlen der Klimaziele bis zum nächsten Meilenstein-Jahr 2030.

Mit anderen Worten: die notwendigen öffentlichen Investitionen, um Kreislaufwirtschaft im Bauwesen auszubauen (Förderungen, Kostenstützen zur Abfederung allfälliger Mehrkosten im Vergleich zu konventionellen Materialen etc.), stehen höheren Strafzahlungen bei Verfehlen der Klimaziele entgegen. Das Ausmaß dieses Ausgleicheffekts – Investitionen verringern Strafzahlungen – wäre ein geeigneter Forschungsgegenstand für Folgestudien.

Dazu kommt eine weitere Herausforderung, die Kreislaufwirtschaft im Bau lösen kann: der steigende Druck auf Deponiekapazitäten in ganz Österreich.

Immer mehr Baurestmassen – immer weniger Deponien

Eine Analyse der Baustoffströme zeigt: In Österreich wird viel gebaut und wenig abgerissen. Konkret werden heute im Schnitt achtmal mehr Baustoffe eingesetzt als entsorgt. Damit wächst das „Bauwerk Österreich“ immer weiter.

Abbildung: Entwicklung der Baustoffmengen, desMateriallagers und der Bauabfälle in Österreich von2010 bis 2024

Wirtschaftlich gesehen ist das eine gute Nachricht, denn die Bauaktivität sichert Arbeitsplätze. Allerdings müssen alle diese Baustoffe irgendwann – in 30, 50, 70 Jahren – entsorgt werden. Konkret sind es pro Person in Österreich 400-500 Tonnen an Baustoffen, etwas mehr als ein Airbus A380. Das ist der „Rucksack“, den jede und jeder von uns trägt. Er wächst jährlich um ca. 8,4 Tonnen pro Jahr an (77 Millionen Tonnen insgesamt).

Abbildung: Mit 360 t entspricht das österreichische Materiallager pro Kopf heute in etwa dem Gewicht eines Airbus A380.

Angesicht dieser steigenden Baumasse sind immer mehr Deponien notwendig. Das zeigt sich vor allem bei Bodenaushubdeponien, deren Anzahl sich in den letzten 20 Jahren auf 949 (Stand 2024) verdoppelt hat. Doch die Deponiekapazitäten in Österreich sind begrenzt. Besonders topografisch eingeschränkte und stark verbaute Regionen kommen unter Druck. Dazu kommen neue gesetzliche Deponieverbote: Für zahlreiche verwertbare mineralische Baurestmassen gilt seit 1. Jänner 2024 ein Deponierungsverbot; für Gipsplatten gilt es seit 1. Jänner 2026. Das erhöht die Notwendigkeit, Deponien – und damit nicht verwertete Baurestmassen – zu reduzieren.

Dazu kommt: Gegen Deponien nahe Wohngegenden wehren sich meist die Anrainer:innen.

Angesichts der steigenden Baurestmassen und der begrenzten Deponiekapazitäten muss die Abfallmenge reduziert werden, ohne dabei notwendige und wirtschaftlich produktive Bauaktivität zu beschneiden. Die Kreislaufwirtschaft, allen voran Recycling von Baustoffen, kann dabei die entscheidende Rolle spielen.

Potenziale und wie sie zu heben sind

Wo die größten Potenziale der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen liegen und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um sie erfolgreich zu nutzen.

Recycling und Downcycling

Re-Use

Rentabilität

Fazit und Empfehlungen

Kreislaufwirtschaft braucht die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Darum haben die TU Wien und STRABAG diese gemeinsame Studie durchgeführt. Auf dieser Basis ergeben sich nun konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Bauwirtschaft:

  • Recycling-Material

    Praxistaugliche Qualitätskriterien

    Die aktuellen Qualitätskriterien für recyceltes Sekundärmaterial bringen oftmals sauberes, sicheres und stabiles Material früher als notwendig aus dem Kreislauf. Denn der aktuelle Kriterienkatalog für Sekundärmaterial ist zu wenig ausdifferenziert. Neue, praxistaugliche und wissenschaftlich hergeleitete Qualitätskriterien, maßgeschneidert auf den sicheren Einsatz von sekundären Baustoffen, könnten die Recyclingrate erheblich steigern.
  • Neue Recyclingmethoden

    Neue Recyclingmethoden für komplexeres Material

    Da davon auszugehen ist, dass die zukünftigen Baurestmassen eine zunehmend komplexere Materialzusammensetzung aufweisen, benötigen wir nicht nur mehr, sondern auch besseres Recycling. Von Beginn an muss durch sorgfältigen selektiven Rückbau die Vermischung und Kontamination von Baumaterialien weitgehend vermieden werden. Anschließend können durch effiziente, gegebenenfalls noch zu erforschende Aufbereitungstechnologien Sekundärbaustoffe mit ausreichend hoher Qualität hergestellt werden, die schlussendlich im Wettbewerb mit klassischen Primärrohstoffen bestehen können.
  • Bodenaushub

    Regulatorischer Spielraum für Verwertung

    Heute wird verunreinigtes Bodenaushubmaterial als „Abfall“ deklariert und darf damit nicht wiederverwertet werden. Doch rein technisch wäre eine Aufbereitung und Verwertung möglich. Dafür bräuchte es mehr regulatorischen Spielraum. Entscheidend sollten der Grad der Schadstoffbelastung, die technische Eignung und der vorgesehene Verwendungszweck sein. Langfristig braucht es eine einheitliche europäische Regelung, damit Aushub über Grenzen hinweg im Kreislauf bleiben kann.
  • Gebäuderessourcenpass

    Gebäuderessourcenpass verpflichtend einführen

    Für Neubauten, größere Sanierungen und öffentliche Gebäude sollte ein digitaler Gebäuderessourcenpass verpflichtend werden. Er dokumentiert, welche Materialien und Produkte in welchen Mengen verbaut wurden und enthält Informationen zu Herkunft, Schadstoffen, Verbindungsarten, Demontierbarkeit sowie Wiederverwendungs- und Recyclingpotenzial. Damit wird jedes Gebäude zu einem dokumentierten Materiallager, dessen Ressourcen bei Umbau oder Rückbau gezielt genutzt werden können. Ein solcher Pass sollte mit digitalen Planungssystemen sowie den künftigen Digitale Produktpässe (DPP), wie sie die EU einführt, kompatibel sein.
  • Re-Use-Bauteile

    Praxistaugliche und standardisierte Rezertifizierung

    Aktuell sind Verfahren für Prüfung und Rezertifizierung von Re-Use-Bauteilen nicht standardisiert, das ist eine massive Hürde für die Wiederverwendung. Neue Prozesse, die einheitlich die tatsächlich relevanten Eigenschaften wie Tragfähigkeit, Brandschutz, Schadstofffreiheit oder Dauerhaftigkeit prüfen, würden Re-Use stark vorantreiben. Sie schaffen Vergleichbarkeit und vereinfachen die Wiederverwendung, ohne dass Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden.
  • „Re-Use-Check“

    „Re-Use-Check“ vor Rückbau

    Vor größeren Rückbauvorhaben sollte verpflichtend geprüft und dokumentiert werden, welche Gebäudeteile erhalten oder zerstörungsfrei ausgebaut und wiederverwendet werden können. In Deutschland ist so etwas bereits in der Norm „Spec 91484 6“ vorgesehen, sie wäre eine gute Grundlage für eine verpflichtende österreichische Regelung. In Österreich gibt es hier nur die ÖNORM B3151, die aber Recycling behandelt und nicht Re-Use. Schwerpunkt sind also die Schadstofferkundung, Trennung und Recycling der Stoffströme. Als Ergänzung wäre ein verpflichtender Re-Use-Check entscheidend. Die Ergebnisse sollten frühzeitig in das Rückbaukonzept, den Gebäuderessourcenpass und geeignete Bauteilbörsen einfließen, damit Abnehmer noch vor Beginn der Arbeiten gefunden werden können.
  • Zirkularität in der öffentlichen Beschaffung

    Klare Quoten statt Freiwilligkeit

    Öffentliche Auftraggeber sollten in Bauausschreibungen verbindliche und messbare Anforderungen an Zirkularität festlegen – von Recycling- sowie Re-Use-Anteilen bis zu Rückbaubarkeit und Lebenszykluskosten. Materialspezifische, realistische Mindestquoten schaffen Nachfrage und Investitionssicherheit. Bestehenden Kriterien – die Stadt Wien entwickelt etwa derzeit einen „Zirkularitätsfaktor“ für Ausschreibungen – sollten dafür ausgebaut und bundesweit angewendet werden. Die öffentliche Hand kann so einen verlässlichen Markt für kreislauffähige Bauweisen hervorbringen.
  • Öffentliche Förderung für Kreislaufwirtschaft

    Forschung und Umsetzung

    Zusätzliche öffentliche Förderungen sollten gezielt dort ansetzen, wo hochwertiges Recycling und Re-Use entweder technisch noch nicht ausreichend effizient oder aufgrund hoher Entwicklungs-, Prüf- oder Anlaufkosten noch nicht wettbewerbsfähig sind. Unterstützt werden sollten nicht nur Forschungsvorhaben, sondern auch Pilotanlagen, Demonstrationsprojekte, Qualitätssicherung und die erstmalige Umsetzung im industriellen Maßstab.
  • Umdenken in der Baukultur

    Kreislaufwirtschaft als Potenzial

    Neben regulatorischen und technischen Schritten braucht es auch kulturelle Änderungen in der Bauwirtschaft. Sekundärmaterialien werden oft pauschal als „minderwertig“ gesehen, der Reflex geht meist hin zu „Neuem“ – selbst wenn gleichwertige Sekundärmaterialien nicht nur dem Planeten helfen, sondern auch Kosten sparen würden.

    Dass wir unser Denken, unser Verhalten und unsere Wirtschaftsweise ändern können, haben wir in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, vom erfolgreichen Kampf gegen Ozonloch-Chemikalien über Bio-Lebensmittel bis hin zum Einzug von Mülltrennung und Recycling in Haushalten. Diese Beispiele haben aber auch gezeigt, wie wichtig politische und regulatorische Vorstöße sind, damit diese Transformationen gelingen. Diese Studie liefert dafür neue Impulse, um die Kreislaufwirtschaft im österreichischen Bauwesen voranzutreiben.